Du Herzstadt, du

(Gastbeitrag von Anja Seemann)

Als ich am 5. April 2020 um 11:51 Uhr mein Handy zückte um ein Foto zu machen, wusste ich nicht, wo das so hinführt. Knapp 149 Fotos sind seitdem dazugekommen.

Was ist drauf? Immer das gleiche Motiv: Ein circa sechs Zentimeter großes symmetrisches knallrotes Herz mit schwarzem Rand. Oldenburg herzt mich seither immer und immer wieder und ich, ich liebs und ich bin sicher nicht allein. Ein Hoch auf Street-Art-Bewegungen! Du überlegst noch, welches der vielen Herzen ich in der Fahrradstadt meine? Schau mal, das hast du doch bestimmt schon einmal irgendwo gesehen?

Womit das Fotoprojekt begann: Das erste Herzfoto.

Falls es dir nicht bekannt vorkommt, traue ich mich dennoch zu schreiben: Es ist wie immer bei der selektiven Wahrnehmung, du wirst vermutlich bald mal eins treffen. Hingucken, denken: „Ah, da ist ja so ein Herz!“, lächeln und weitergehen. So stelle ich es mir auf jeden Fall vor 🙂

Das mit den Herzen ist quasi ungefähr wie eine riesig angelegte Schnitzeljagd mit dem großen Unterschied, dass es nicht den einen Start- oder Endpunkt gibt, diese eine Holzkiste mit Gold, die am Ende wartet, sondern überall in der gesamten Stadt wartet die kleine rote Freude auf die, die bereit sind, im Kleinen, im scheinbar Zufälligen ein bisschen Glück zu finden. Und weil Glück bekanntermaßen nur kurzfristig anhält, gibt es viele Aufkleber. Richtig viele.

Dieser Text soll dich nicht animieren, deine Schubladen nach herumliegenden Stickern zu durchforsten und draußen
alles voll zu kleben; das Bekleben ist nämlich nicht erlaubt und ganz ehrlich: Nicht alles, was da am Laternenpfahl
hängt ist schön, oder?!

Neuer Sticker auf altem Stadt-Interior

Wenn die Sticker nun also verboten sind, warum feiere ich sie denn dann? Die Sticker lenken meine Aufmerksamkeit dahin, wo ich sie gern hätte: Aufs Positive. Viel zu oft bleibt in den Medien nur das Negative kleben, hier so ganz altmodisch analog hänge ich also an roten Stickern. Rote Herzen diskriminieren nicht, sind schlicht und kraftvoll gleichermaßen. Und wenn du jetzt Liebeskummer hast und das rote Etwas nicht mehr sehen kannst: Das
geht vorbei. Hart, aber herzlich gemeint.

Also ich freu mich wirklich immer wie ein Kind, wenn ich wieder ein rotes Herzchen entdecke. Oder selber so verwundert bin: Hä? Ist der Sticker neu da? Da laufe ich doch immer lang; es ist mir bisher nicht aufgefallen?! Herrlich, wie ich dann selbst wahrnehme, in welchem Tunnel ich mich befinde und der rote Herzwecker mich visuell wieder für meine Umgebung wachklingelt.

Ja klar, ein rotes Herz steht für Liebe, es steht aber auch für Kraft. Nicht zuletzt empfinde ich die Herzaufkleber daher als Liebesbeweis an diese besondere Stadt mit den vielen bunten Seelen. Auch, wenn das Symbol keine Form der Verschriftlichung darstellt, das Oldenburg-Herz ist so aussagekräftig, das es unter den erweiterten Begriff der Linguistic Landscapes fallen kann. Eigentlich formt demnach Sprache das Stadtbild, aber das Herz ist „lesbar“. Du findest die Aufkleber in Eversten, Kreyenbrück, der Innenstadt , Osternburg, Donnerschwee usw. Sie sind da, wo du bist. Einfach so, nur, um dir eine Freude zu bereiten.

Eins der Lieblinge: gefunden in der Burgstraße.

Immer häufiger also zückte ich in den vergangen Monaten das Handy; ich habe sogar die Ortungsdienste aktiviert: So kann ich den Fundort hinterher genau bestimmen. Anfangs weiß man vielleicht noch, wo die Bilder gemacht werden (da gibt es quasi auch Lieblingsherzen, also ich hab sie auf jeden Fall), aber bei der Menge an verteilter Liebe steig ich sonst nicht mehr durch.

Diese Herzhaltepunkte auf der Stadtkarte wecken meine Neugier: Ich möchte Oldenburgs Ecken noch weiter kennenlernen, mir jede Bank, jedes Schild, jede Laterne und jeden Mülleimer genauer anschauen, die Dinge im 360-Grad-Modus betrachten für dieses kleine rote Glück. Erst war das komisch: Mitten in der Stadt stehen bleiben, Handy rausholen, das Herz in den Fokus rücken, sich für die beste Pose auf die Knie begeben und das, wenn drumherum Leute sind. Das ist mittlerweile so normal und einfach schön, sollen die Leute hinschauen, entdecken.

Meine Herzmenschen wissen auf jeden Fall, was im Falle eines Herzstickerfundes zu tun ist: Auf einem Spaziergang mit mir auch geduldig ein sechstes Mal stehen bleiben, damit ich knipsen kann.


Ein Herz kommt selten allein. Schaut mal drüber nach.

Es werden immer mehr: Eine kleine Collage der Sammlung.

PS: Und wenn du die Person bist, die stickert. Ich würd dich gern kennenlernen und mit dir übers Herzsymbol philosophieren.


Text & Bilder: © Anja Seemann

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